Goodbye Deutschland, Hôsek Contemporary, Berlin, 2020
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In seiner künstlerischen Praxis setzt sich der 1989 in Ost-Berlin geborene Künstler Eric Meier mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung auseinander. Ausgehend von einem ausgeprägten Interesse für den urbanen Raum und architektonische Strukturen sucht er nach den Spuren der postsozialistischen Neuordnung. Seit vielen Jahren schon fotografiert er Orte der ehemaligen DDR und trägt diese in einem umfangreichen Archiv zusammen, welches als Ausgangspunkt für seine neueren Arbeiten dient. Meist ausschnitthaft halten die Bilder ruinöse und von Witterung betroffene Gebäude und Straßenzüge im öffentlichen Raum fest, welche zunehmend aus dem Stadtbild verschwinden. Sie betreffen die eigene Lebensgeschichte des Künstlers - seine Erfahrungen in der Familie und im Umfeld der ostdeutschen Kleinstadt. Gleichzeitig vergegenwärtigen sie das empfundene Scheitern der sozialistischen Idee und die Auswirkungen des Kapitalismus nach der Wende. Mittlerweile entwickelt Meier seine Arbeiten immer mehr in den Raum hinein. In den szenisch angelegten Installationen treffen häufig unterschiedliche Medien wie Fotografie, Bewegtbild, Skulptur und Text aufeinander und erzeugen ambivalente Sinnzusammenhänge. Die Ausstellung „Goodbye Deutschland“ auf dem ehemaligen Kohlefrachtschiff „Heimatland“ an der Fischerinsel in Berlin ist nach der Installation benannt, die Meier eigens hierfür produziert hat. Sie besteht aus 100 eingeschmolzenen Bierkrügen, die im Bauch des Schiffes angeordnet sind. Bereits mit dem Ausstellungstitel reflektiert Meier die Bedeutung des Ortes und setzt sie in Bezug zu seiner Arbeit. Wird damit zunächst der Wunsch nach Aufbruch und Abschied zum Ausdruck gebracht, steht dies im Gegensatz zu dem historischen Namen des Schiffes. Gleichzeitig verweist „Goodbye Deutschland“ auf die gleichnamige Doku-Soap aus dem deutschen Unterhaltungsfernsehen. Darin werden Familien bei der Auswanderung begleitet. Während des Abschiedes in Deutschland sowie ihrer Reise und Ankunft im Zielland, berichten sie von ihren Beweggründen für den Neuanfang, ihren Träumen und Heimatgefühlen. Häufig spielen dabei persönliche Dramen und Existenzängste eine Rolle. Über die Laufzeit der verschiedenen Staffeln bekommen die Zuschauer*innen aber nicht nur einen intimen Einblick in die emotionalen und biografischen Hintergründe. In einigen Fällen erweist sich der Emigrationsversuch auch als ökonomischer, kultureller und bürokratischer Misserfolg, der am Ursprungsort der Protagonist*innen sein verfrühtes Ende findet. Die Sendung beleuchtet somit das soziale Milieu und die individuelle Suche nach dem erträumten Leben der Aussteiger*innen in einer Weise, in der ‚typisch deutsche‘ Befindlichkeiten verhandelt, weitergetragen und in einen serientauglichen Spannungsbogen eingebettet werden.
Das Unbehagen, das den Aufbruch ins Neuland begleitet, findet sich auch in den Objekten wieder. Die zu einer Gruppe versammelten Bierkrüge sind in sich zusammengefallen. Setzt Meier diese im Zuge des Schmelzprozesses einer Temperatur von etwa 700 Grad Celsius aus, verlieren sie ihre ursprüngliche Beschaffenheit und erschlaffen förmlich. In diesem Zustand wirken die Krüge selbst wie betrunkene Passagiere, die ihre Orientierung verloren haben. Dabei finden die ambivalenten Bezüge im Kultobjekt des Maßkrugs zusammen, das Meier als Ausgangsmaterial für seine Installation verwendet. Einerseits steht das Trinkgefäß symbolisch für das Klischee einer geselligen deutschen ‚Biernation’, andererseits verweist es aber auch auf die real existierenden Schattenseiten, die mit Alkoholkonsum und sozialer Prekarisierung einhergehen. Dieser metaphorische Beigeschmack durchzieht die Werke und stellt zugleich Rückbezüge zu einer gesellschaftlichen Dimension her. Ähnlich verfährt Meier auch in der ortsspezifischen Arbeit „Für Rosa“. Blickt man über die Reling der „Heimatland“ sieht man ein orange-leuchtendes Textil in der Spree-Strömung treiben. Die am Boot befestigte Bomberjacke, ursprünglich ein Kleidungsstück der Militärgarderobe, ist bereits seit Längerem Teil des zivilen Modevokabulars. Ihre wehrhafte Konnotation hat sie dabei nicht abgelegt - man findet sie sowohl auf den Laufstegen der großen Modehäuser, innerhalb der linken Szenen, als auch bei nationalistischen und faschistischen Gruppierungen. Durch diese Doppeldeutigkeit reflektiert Meier, wie sich konträre Bedeutungsebenen über die Zeit schichten und in einem Objekt ablagern können. Mit „Goodbye Deutschland“ thematisiert Eric Meier das ambivalente Moment des Aufbruchs innerhalb der deutschen Gesellschaft, welches von menschlicher Zerrissenheit und sozialen Ungleichheiten begleitet ist. Die humoreske Tragik, die sich durch seine Arbeit zieht, macht deutlich, wie nah Hoffnung und Scheitern beieinander liegen. Letztendlich ist es die Frage nach der Perspektive, die sich dabei aufdrängt und die unterschiedlichen Realitäten vor Augen hält, die innerhalb einer Gesellschaft gelebt werden.


In his artistic practice, the artist Eric Meier, born in 1989 in East Berlin, deals with the social effects of German reunification. Starting from a pronounced interest in urban space and architectural structures, he searches for traces of the post-socialist reorganization. For many years he has been photographing places in the former GDR and collecting them in an extensive archive, which serves as a starting point for his more recent works. The pictures mostly capture ruinous and weather-beaten buildings and streets in the public space, which are increasingly disappearing from the cityscape. They concern the artist's own life story - his experiences in his family and in the surroundings of the small East German town.At the same time, they visualize the perceived failure of the socialist idea and the effects of capitalism after the reunification. Meanwhile, Meier develops his works more and more into the space. In the scenically designed installations, different media such as photography, moving image, sculpture and text often meet and create ambivalent contexts of meaning. In this way, they address the social and political tensions that emanate from the differently lived realities in East and West Germany.The exhibition Goodbye Deutschland on the former coal freighter "Heimatland" at the Fischerinsel in Berlin is named after the installation that Meier produced especially for it. It consists of 100 melted beer mugs arranged in the belly of the ship. Already with the exhibition title, Meier reflects on the meaning of the place and relates it to his work. Even though this initially expresses the desire for departure and farewell, it contrasts with the historical name of the ship. At the same time, Goodbye Deutschland refers to the same-named docu-soap broadcasted on German entertainment television. The show accompanies families in their emigration, who during the farewell in Germany, as well as their journey and arrival in the destination country, tell about their motives for the new beginning, their dreams and feelings of home. Often personal dramas and existential fears play a role. Over the course of the various seasons, however, the viewers gain an intimate insight into the emotional and biographical background. In some cases, the attempt to emigrate also proves to be an economic, cultural and bureaucratic failure, which comes to a premature end at the protagonists' place of origin. The programme sheds light on the social milieu and the individual search for the life the drop-outs dreamed of. It thus deals with 'typically German' sensitivities, carrying them further and embedding them in a tension arch suitable for a series production.The struggles that accompany the departure into new territory are also reflected in the objects on display. The beer mugs, gathered together in a group, have collapsed. When Meier exposes them to a temperature of around 700 degrees Celsius during the melting process, they lose their original condition and literally go limp. In this state, the mugs themselves
look like drunken passengers who have lost their orientation. The ambivalent references meet in the cult object of the made-to-measure jug, which Meier uses as the basic material for his installation. On the one hand, the drinking vessel is symbolic of the cliché of a sociable German 'beer nation', but on the other hand it also refers to the real dark sides associated with alcohol consumption and social precarity. This metaphorical aftertaste runs through the works and at the same time establishes references to a social dimension.In the site-specific work Für Rosa, Meier takes a similar approach. If one looks over the railing of the "Heimatland", one can see an orange glowing textile floating in the current of the Spree. The bomber jacket attached to the boat, originally an item of clothing from the military cloakroom, has long been part of the civilian fashion vocabulary. It has not lost its defensive connotation - it can be found on the catwalks of the big fashion houses, within the left-wing scenes, as well as within nationalist and fascist groups. Through this ambiguity, Meier reflects on how contrary levels of meaning can be layered over time and contained in an object.WithGoodbye Deutschland, Meier addresses the ambivalent moment of change within German society, which is accompanied by human disruption and social inequality. The humorous tragedy that runs through his work highlights the proximity between hope and failure. Ultimately, it is the question of perspective that comes to the fore, keeping in mind the various social realities that are often contradictory in nature.

 
 
 
Don't worry, there will be more problems / fffriedrich, Frankfurt am Main, 2020
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ML/DH Du bist 1989 in Ostberlin geboren und in Frankfurt (Oder) aufgewachsen. Welche Bedeutung hat deine Biografie für die inhaltliche Auseinandersetzung mit vermeintlich ‘typisch’ ostdeutschen Befindlichkeiten?

EM Meine Biografie ist ganz klar der Ausgangspunkt für meine Sensibilität im Umgang mit dem Thema. Meine Arbeit leitet sich davon ab. Erfahrungen in der Familie, das Umfeld der ostdeutschen Kleinstadt, die gegenwärtige politische Lage und der Umgang damit - um nur Auszüge zu nennen. All das findet sich darin wieder.


Deine Arbeiten zeigen häufig Ausschnitte städtischer Situationen, die Spuren von Verfall und Witterung tragen. Man kann sie durchaus als Auseinandersetzung mit den Problematiken der postsozialistischen Neuordnung verstehen. Geht es Dir um eine solche Gesellschaftskritik?

Ich begreife meine fotografische Arbeit als Suche nach dem metaphorischen Potential von Bildern. Ich gehe aber nie mit dem Gedanken los, dies oder jenes brauche ich noch. Das kommt zu mir. Das leicht Ruinöse, Abgenutzte zieht mich an. Den Orten selbst, die ja anonym, fragmentiert und ausschnitthaft bleiben, ist Gesellschaftskritik, glaube ich, inhärent. Im Ausstellungskontext ergeben sich dann sicher Linien, Zusammenhänge und Lesrichtungen - auch politischer Art. Ein anderer Ansatz ist der des Archivierens. Das (Bau)Material im öffentlichen Raum ist im Verschwinden begriffen. Die Bilder sprechen also von Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen. Dabei geht es nicht um Realität oder Wahrheit. Es geht um meine Identität, die von so einer Umgebung geprägt ist, die auch nach 30 Jahren noch Teil einer kollektiven ostdeutschen Identität ist.


Häufig fügen deine Werktitel inhaltliche, formalistische und deskriptive Aspekte der Arbeit in einen ambivalenten Sinnzusammenhang. So machst du mit deiner fotografischen Serie “THOR” Assoziationen zur germanischen Mythologie und deutschen Nationalgeschichte auf. Inwiefern wirken Humor und Ironie in diesem Spannungsverhältnis mit?

Wenn, dann steckt für mich die Ironie in der ‘typisch’ deutschen Geste der ‘Verschlimmbesserung’. Die Hingabe der Garagenbesitzer*innen zu der Gestaltung der Tore. Aber auch in der durch die Psychologie beschriebenen ‘German Angst’: einer ungeklärten, scheinbar den Deutschen naheliegenden Angst des Besitzverlustes, welche sich in der Anmutung der Tore spiegelt. “THOR” meint aber auch ‘Thor Steinar’, die weit verbreitete Neo-Nazi-Kleidungsfirma aus Königs Wusterhausen und verweist gleichzeitig auf den Missbrauch germanischer Mythologie durch die Nazis, die sie als ‘ur-deutsche Hochkultur’ pervertierten. In dem mythologischen Moment liegt zudem ein ungeklärtes ‘Dahinter’. Das Bewusstsein, dass der NSU solche Garagen zum Bombenbau benutzt hat.


Du hast zunächst Fotografie studiert und später dein Diplom bei Heidi Specker an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig gemacht. Deine Arbeitsweise hat sich im Laufe der Jahre immer mehr in den Raum hinein entwickelt. Was bedeutet dies für dein Verhältnis zur Fotografie?

Es gab einen Zeitpunkt, da habe ich mich durch die Fotografie limitiert gefühlt. Sie war mir zu abbildend, der Fotografiediskurs zu selbstreferenziell. Ich wusste nicht mehr so recht, was ich damit ausdrücken wollte. Ich hatte aber ein ausgeprägtes Interesse für Skulptur und Material, was ein Bildträger nur bedingt wiedergeben kann. Es schien mir logisch, das aufzubrechen.


Wir finden es interessant, wie sich die Bilder in die Raumsituationen einfügen. Welche Rolle spielt für dich der Dialog zwischen den einzelnen Werkgruppen?

Wo die Fotografie aufhört, setzt die raumbezogene Arbeit ein: Skulptur, Objekt, Text usw. Dieses Wechselspiel finde ich sehr reizvoll. Mit Bildern einen Ort oder eine Umgebung zu zitieren und diese Stimmung weiter in den Raum zu tragen, in dem das abgebildete Material physisch verformt oder fragmentiert auftaucht. Die Ausstellung begreife ich dann wie einen Kosmos oder ein Setting.


In deinen Arbeiten tauchen immer wieder Werkstoffe wie Beton oder Glas auf, die du unterschiedlich ausformulierst. Du sprichst in diesem Zusammenhang von verschiedenen Aggregatzuständen. Wie begreifst du diese Dynamik?

Die Materialien schaffen für mich unterschiedliche Bedeutungsebenen. Beton ist z.B. eine Architekturreferenz, ein billiges Material, ein Display für eine urbane Situation. Für die Glasarbeiten verwende ich gesammelte Schnapsflaschen. Mit dem Fragmentieren und Schmelzen verlieren sie ihre ursprüngliche Form und lösen sich praktisch auf. Hieraus ergeben sich dann neue Konsistenzen.







ML/DH You were born in East Berlin in 1989 and grew up in Frankfurt (Oder). What significance does your biography have for the investigation of supposedly ‘typical‘ East German sensitivities?

EM My biography is clearly the starting point for my sensitivity in dealing with this topic. My work is derived from that. Family experiences, the environment of an East German small town, the current political situation and how to deal with it, to name just a few points. All of that is reflected in it.


Your works often show sections of urban situations that show signs of deterioration and exposure to the weather. This can be understood as an examination of the problems of the post-socialist reorganization. Is such a social criticism of concern to you?

I understand my photographic work as a search for the metaphorical potential of images. But I never start thinking, I still need this or that. It comes to me. The slightly ruinous and worn out attracts me. Social criticism is, I believe, inherent in the places themselves, which remain anonymous, fragmented and fragmentary. In the context of the exhibition, lines, correlations and reading directions are certainly of a political nature, too. Another approach is that of archiving. The (building) material in public space is disappearing. At the same time, the pictures speak of the past and the present alike. It is not about reality or truth. It's about my identity, which is shaped by such an environment that is still part of a collective East German identity even after 30 years.


Often your work titles put content, formalistic and descriptive aspects of the work into an ambivalent context. With your photographic series "THOR" you create associations with Germanic mythology and German national history. To what extent do humor and irony contribute to this tense relationship?

If so, then the irony for me is in the ‘typical’ German gesture of ‘Verschlimmbesserung’ (improving things for the worse). The dedication of each garage owner to design his / her gate. Also in the ‘German Angst’ as described by psychology: an unexplained, apparently obvious fear of loss of property, which is reflected in the appearance of the gates. “THOR” also means ‘Thor Steinar’, the widespread neo-Nazi clothing company from Königs Wusterhausen, and at the same time refers to the abuse of Germanic mythology by the Nazis, which perverted them as ‘primordial German high culture’. In the mythological moment there is also an unexplained ‘behind’. The awareness that the NSU used such garages to build bombs.


You first studied photography and later completed your diploma with Heidi Specker at the Hochschule für Grafik und Buchkunst / Academy of Fine Arts Leipzig. Your way of working has evolved more and more into space over the years. What does this mean for your relationship to photography?

There was a time when I felt limited by photography. It was too illustrative for me, the photography discourse too self-referential. I didn't really know what I wanted to say. However, I was very interested in sculpture and material, which an image can only reproduce to a limited extent. It seemed logical to me to break it open.


We think it's interesting how your pictures fit into the spatial situation. What role does the dialogue between the individual groups of work play for you?

Where photography ends, spatial work begins: sculpture, object, text, etc. I find this interaction very appealing. To quote from a place or an environment with pictures and to carry this mood further into the room in which the depicted material appears physically deformed or fragmented. I then understand the exhibition like a cosmos or a setting.


In your work, materials such as concrete or glass appear again and again, which you formulate differently. You speak of different states of matter in this context. What does this dynamic mean for you?

For me, the materials create different levels of meaning. Concrete e.g. is an architectural reference, a cheap material, a display for an urban situation. I use collected schnapps bottles for the glass work. Through fragmentation and melting they lose their original shape and practically dissolve. This results in new consistencies

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Wind Of Change / MOUNTAINS, Berlin, 2019
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Eine Fraktur beschreibt in der Medizin den Bruch eines Knochens. Viele Frakturen sind unter der Haut verborgen und äußerlich nicht erkennbar, manche aber liegen offen. Oft verheilen sie, wenn es jedoch zu Verschiebungen kommt, muss man ein Leben lang mit Funktionseinschränkungen rechnen. Die gegenwärtige "frakturierte Gesellschaft" [1] Ost, die sich ihre Wunden, Splitter und Brüche in Wende und Postwende zugezogen hat, ist allem Anschein nach noch immer in Behandlung.
Das Pfeifkonzert auf Politik, Migranten und Obrigkeit sitzt seit Jahren, als tinitusartiger Dauerton im Gehörgang der liberalen Gesellschaft, kumulierend im Taubheitsgefühl der breiten Masse. Das Lied der Enttäuschten pegelt sehr weit rechts und kann ob seines Volumens schwerlich überhört werden.

Meiers künstlerischer Befund in der Ausstellung Wind Of Change zeichnet ein Bild der Abweisung, der Ungewissheit, des eigentlich schon als positiv ausgehend erdachten retardierenden Moments gesellschaftlicher Historie. Die zwölfteilige fotografische Arbeit THOR zeigt Mehrzweckgaragen in Ostdeutschland, wie sie unzählig zu DDR-Zeiten in die Nähe von Wohnkomplexen gebaut wurden. Die marode und verlassen wirkende Architektur ist noch klar in der Funktion begriffen. So zieren die Tore allerlei nachträglich in verschiedenen Jahren angebrachte Schlösser, Scharniere und Beschläge. Meier führt uns hier nicht nur in die durchaus amüsante Welt des Verschlimmbesserer-Typus "Kleiner Mann" ein, sondern hinterfragt Vergangenheit und Gegenwart, das Davor und Dahinter, Innen und Außen und vermeintlich ur-(ost)deutsche Befindlich- keiten von Angst und Besitzverlust.
Eingebettet in den Ausstellungskontext birgt das Bild der Garage auch einen politischen Verweis. Dem NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) diente ein solcher Komplex in Jena zur Konspiration und zum Bombenbau. Dieser - viel zu spät bekannt gewordenen grausamen - Realität stellt sich die eher humoristisch konnotierte Arbeit drei Pfeifen (Erbse, Uwi, Maik) entgegen. Ob der gesellschaftlichen Überforderung der als immer komplexer wahrgenommenen Welt, scheint es auch den Neo-Nazi zunehmend anzustrengen, die richtig gesinnte Berauschung zu wählen. Die anthropomorphen Glasbongs deuten bestehende Codierungen um und geben sich als schlaffe Wesen, deren Platz und Entstehung aus dem Unrat der Nachwende entwachsen ist.

Buchstäblich den Spiegel hält den Betrachtenden die Arbeit Reffjuschie Kreises vor. Der lasergravierte SPIEGEL-Artikel vom August 1990 reflektiert die innerdeutsche Migration zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung und gleicht verblüffend dem Wortlaut heutiger Flüchtlingsdiskurse. Die großformatige Arbeit Eiche zitiert die Metapher vom immer wieder nachwachs- enden und nicht vergehenden Unkraut, welches sich um diese Jahreszeit braun färbt.

Bedingt durch die eigene Biografie und den Umbruch in der Wendezeit, gilt die post-sozialistische Gesellschaft seit Jahren als künstlerisches Interesse von Eric Meier. Wind Of Change greift diesen transitorischen Moment auf und verwebt ihn
mit dem aktuellen politischen Zeitgeschehen. So ist die Reflektion nicht nur die der Ost/Gesamtdeutschen, sondern auch die einer Tendenz, die man weltweit beobachten kann.
Eine Gesellschaft, die sich mit Flaschengeistern verbrüdert und benebelt über Landstraßen navigiert, um sich unweigerlich neue Frakturen zuzuziehen. Der offene Bruch war nie so sichtbar?

[1] Steffen Mau, Lütten Klein - Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp, 2019


- Berlin, Oktober 2019


ENG

In medical terms, a fracture refers to a broken (fractured) bone. Often fractures are not visible and hidden, some are open. In many cases such fractures will heal, sometimes – in case of displacement – functionallimitations are consequential. The fractured East German society [1] of today that has contracted its injuries and fractures in the times of the fall of the wall, is obviously still in treatment.

The catcalls on politicians, migrants and authorities has settled in the ears of the liberal society as a tinnitus-like tone and has cumulated in the temporary numbness of the mainstream population. The song of the disappointed ones is levelled far right and cannot be overheard because of its intensity.Meier's diagnosis as an artist in this exhibition shows an image of rejection and uncertainty of this historical moment which has been considered to be a success. The work of 12 photographical pieces THORdepicts multi-purpose garage constructions in East-Germany which had been built in GDR times by thousands near housing complexes. Therotten and apparently deserted architecture has clearly kept its functionality. Thegates have been protected with new locks, hinges andfittings.
Meier not only shows us the sometimes funny world of the kleiner Mann(who makes things worse by attempting to improve them), but also questions present and past, inside and outside and the seemingly typical (East) German fear of loss. Considering the context of this show, the picture of the garages also has a political reference: The NSU used such buildings for conspiracy and the assembling of bombs. This brutal reality is contrasted with the more humouristically connoted work drei Pfeifen (Erbse, Uwi, Maik) [Three pipes]. It seems as if even the neo-Nazis are unable to choose the right intoxication in these times of excessive social demands of an ever more complex world.
The anthropomorphic glass bongs appear to be flaccid creatures resulting from aresiding in the garbage of the times of change.The work Reffjuschie Kreises literally holds a mirror to the viewer. The laser engraved article of the SPIEGEL magazine refers to the migration within Germany between the fall of the wall and the unification and shows many similarities to the discourseon migration of today. In the work Eiche [Oak Tree], Meier cites the metaphor of continuously regrowing and indestructible weeds which turn brown in autumn.

Considering his own biography and the changes of the times of change, Meier's artistic interest has been the post-socialist society for a long time. The exhibition Wind Of Change takes up this transitory moment to weave it into current political events. So this is not only a reflection of the (East) Germans but of a tendency that can be noticed worldwide.A society – fraternizing with the evil genies in the bottle – travelling on foggy roads is on its way to new fractures and injuries. A fracture never as visible as now?

[1]Steffen Mau, Lütten Klein - Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp, 2019- Berlin, October 2019

 
 
 
W / Full HD Video 8.31 min, 2019

 
 
 
DIKTAT, Valletta Contemporary, Valletta, Malta
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Diktat is premiering a new body of work by German artist Eric Meier. Meier, who was born in 1989 in East Berlin, is known to bring together personal biographical points with socio-political topics in his artistic practice. The historical period after the collapse of the socialist system is of particular interest to the artist.

In his works with photography, sculpture and video, Meier conveys the effects of the fall of the Berlin wall and he tries to draw lines from the mistakes and omissions of the 90s and 00s in East Germany to the present nationalist populist movements, not only in Germany but also outside. Meier’s work investigates symbols of collective failure and its aesthetics. He is searching for traces of a society seemingly left behind, and along this journey, he finds pictures originating some decades back but that are relevant and politically urgent today more than ever.

Eric Meier’s exhibition Diktat at Valletta Contemporary (VC) happens at a time when the 30th anniversary of the fall of the Berlin wall takes place, when Malta finds itself to execute its part of the EU’s external border, and worldwide nationalism and authoritarian thinking have reached an unpredicted level. Meier takes these current topics as a context for an artistic investigation, to confront the irreducible plurality of our world.

Using large black and white photographs, video and sound, as well as sculptural works and an on-site installation work developed specifically for VC’s exceptional architecture, Diktat aims to confront the visitor with unconscious perceptions of our present.

Starting with a strong interest in places, the artist is questioning the status quo of the conditions and agencies of the social and political structures related to these entities. However, Eric Meier’s works can be considered as screens, open to the viewer’s own experiences, memories and conceptions of identity rather than historic documents.



Text by Markus Summerer

 
 
 
i i i, fructa space, Munich
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Zwei linke Füsse, Aperto Raum, Berlin
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Sad Boys2k1, Requiem for a failed state, Halle 14 center for contemporary arts, Spinnerei Leipzig
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Sad Boys2k1, HGB Galerie, Leipzig
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Vladi, the little poet... / Digital Video, 8.23 minutes, 2018

In times of so called “fake news,” the video work "Vladi, the little poet..."
reflects on media and news consumption via the web involving YouTube as
a source of information from all over the world.
Dealing with the auto translate function of the video platform, the main subject is a speech by
Vladimir Putin and the misunderstanding in its perception via the video and
distorted translation.

Both the subject and the technical aspects building the body of work create a
politically charged image of an impaired distribution of media.



In Zeiten von „Fake News” und „Alternativen Fakten“ reflektiert die
Videoarbeit „Vladi, the little poet...“ das mediale Konsumverhalten in Bezug
auf die Nachrichtenberichterstattung im Internet in Verbindung mit der
Videoplattform YouTube, als Informationsquelle von Nachrichten aus aller
Welt. Die Arbeit setzt sich mit der automatisierten Untertitelfunktion von
Google und einer Rede von Wladimir Putin auseinander, die durch den technischen Aspekt der fehlgeleiteten vermeintlichen Übersetzung komplett ad absurdum geführt wird.

Sowohl das Thema als auch der technische Aspekt der Arbeit versuchen ein
politisch aufgeladenes Bild der fehlgeleiteten und gestörten Streuung von
Medien zeichnen.

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